Wolfram Fleischhauer

Häufig gestellte Fragen

Bei all Ihren Romanen stand bisher die Beschäftigung mit einem Gemälde oder mit historischen Ereignissen im Zentrum. Auf welche Säule bauen Ihre Romane auf?
 
Meine Romane sind keine Genre-Romane, daher ist die Bezeichnung "historisch" ein wenig irreführend. Der Tango-Roman "Drei Minuten mit der Wirklichkeit" zum Beispiel spielt 1999. In "Die Frau mit den Regenhänden" spielt die Hälfte der Erzählung im Paris der 1980´er Jahre. Und sogar in der "Purpurlinie" ist ein wesentlicher Teil der Geschichte in der Gegenwart angesiedelt. Ausgangspunkt ist für mich immer eine Frage, die mich nicht mehr losläßt. Der Auslöser kann ein Kunstwerk sein, ein Gerichtsfall, ein politisches Ereignis oder ein persönliches Schicksal. Meistens ist es eine Mischung aus diesen Dingen. In welcher Zeit oder Welt diese Frage angesiedelt ist, ist zunächst zweitrangig. Wichtig ist die allgemeine Bedeutung der Frage.
 
Und wie lautet zum Beispiel die Frage bei ihrem Indien-Roman?
 
Ganz einfach: Gibt es einen freien Willen? Oder umgekehrt: Welche Welt entsteht, je nach dem, wie man sich zu dieser Frage stellt. Interessant übrigens, dass Sie "Indien-Roman" sagen. Denn wiederum ist es ja eine Mischung. Man könnte auch sagen: "Roman der Weimarer Republik" oder "Aussteigerroman." Ich trage diese Geschichte seit fast zwanzig Jahren mit mir herum. Es gibt mehrere Anfangskapitel davon. Eines spielt in den 70´er Jahren, ein anderes in der Gegenwart. Einmal begann die Geschichte in einem US-amerikanischen Gefängnis, dann auf einer Konferenz in Genf, schließlich in einem Stundenhotel in Kenia. Nichts davon hat funktioniert. Erst die Verlagerung der Handlung in die zwanziger Jahre hat die Geschichte für mich erzählbar gemacht. Daher beginnt der Roman 1925 in Locarno und umfaßt die Zeitspanne von 1900 bis 1926. Aber die Frage, die verhandelt wird, ist überzeitlich.
 
In einigen Ihrer Romane durchziehen verschiedene philosophische Denkrichtungen und Fragestellungen die Handlung. Was denken Sie, welchen Leserkreis Sie damit vornehmlich ansprechen?
 
Das kann ich nur schwer beantworten. Ich schreibe meine Romane zunächst für mich. Das heißt nicht, daß ich dabei nicht an das Publikum denke, aber die Frage des Romans muß zunächst einmal mich elektrisieren. Geschichtenerzählen ist für mich ein Erkenntnisinstrument. Ich spiele die Möglichkeiten anhand einer dramatischen Figurenkonstellation durch und werde mir dabei allmählich über meine Haltung zu einer für mich wichtigen Frage klar. Der Roman ist dann eine Einladung, auf diese dramatisierte Gedankenreise mitzugehen. Aber wer diese Einladung annimmt oder ablehnt, darauf habe ich keinen Einfluß.
  
In Ihren bisherigen Werken vermischen sich vielfältige Themengebiete und Literaturrichtungen. Könnten Sie sich vorstellen literarisch in ein anderes Genre zu wechseln? 
 
Ich schreibe bis jetzt keine Genre-Romane. Der bisweilen "historische" Hintergrund ist nicht das Wesentliche sondern eine Frage der Perspektive. Zu allem, was man betrachten möchte, braucht man eine adäquate Distanz. Bei manchen Dingen muß man ganz nah herangehen, bei anderen ist ein gewisser Abstand unverzichtbar, sonst verschwimmt alles.
Was ist denn historisch? Ist die Rolle der Bundesrepublik während des Militärputsches in Argentinien 1974 historisch? Wäre ein Roman über die Studentenunruhen 1968 historisch? Und was ist ein Krimi? Alles, was spannend ist? Genrebezeichnungen sind vage Orientierungshilfen für das Publikum, sonst nichts. Ansonsten taugen sie nicht viel. Mir fällt da immer eine Geschichte von James Thurber ein: The Macbeth Murder Mystery. Da liest eine Dame in einem Sanatorium Shakespeares Macbeth als historischen Krimi und ist überzeugt, daß Macbeth gar nicht der Mörder gewesen sein kann, denn das wäre ja zu einfach. Ihre Lektüre ist sehr amüsant, denn sie findet sogar den wahren Mörder in einer versteckten Regieanweisung und beschließ daraufhin, als nächstes den Hamlet zu "lösen". Die Genre-Diskussion kommt mir manchmal auch so vor ... amüsant, aber im Grunde närrisch.  

Durch Ihre vorangegangenen Romane zieht sich das Geheimnisvolle und Mystische wie ein roter Faden. Warum beschäftigen Sie sich gerade mit diesem Themenkomplex?
 
Sollte ich denn über das Profane und Geheimnislose schreiben? Was sollte ich darüber schon sagen? Für mich beginnt immer alles damit, daß ich erstaunt oder neugierig bin, also notwendigerweise mit einer Frage. Und kaum schaut man etwas genauer hin, ist man doch überall von Geheimnissen umgeben. Es gibt diesen schönen Satz von Lichtenberg: "So wie man Wasser findet, wenn man gräbt, so findet der Mensch überall das Unbegreifliche, bald früher, bald später."  Kunst ist immer ein Gespräch mit dem Unbegreiflichen.
 
Welche Herangehensweise haben Sie, wenn Sie an einem neuen Roman arbeiten?
In wie weit leben Sie in der Welt des Romans?
 
Zwei Jahre Recherche. Ein Jahr schreiben. Dieser Rhythmus hat sich nach nun sechs Romanen so etwa eingependelt. Die Schreibphase beginnt erst, wenn die Welt in meinem Kopf fertig ist. Dann schreibe ich ein Jahr lang jeden Tag drei Seiten. Etwa die Hälfte des Manuskriptes überlebt dann die vielen Korrekturphasen und gelangt in das fertige Buch.
 
Viele der derzeitigen Neuerscheinungen handeln vermehrt von Verschwörungstheorien und Geheimbünden, wie zum Beispiel die Romane „Illuminati“ und „Sakrileg“ von Dan Brown. Auch einer Ihrer letzten Romane „Das Buch in dem die Welt verschwand“ beschäftigt sich damit. Sehen Sie darin einen kurzfristigen Trend oder glauben Sie an einen längerfristigen Markt für diese Literatur?


Diese Art Roman erfreut sich seit 200 Jahren großer Beliebtheit. Sogar Schiller hat einen geschrieben. Freimaurer, Verschwörungen und Geheimbünde sind ein fester Bestandteil der Literatur, und nicht nur der populären. Vermischt man diesen Geheimbund-Topos dann auch noch mit dem Topos der für alle Übel verantwortlichen katholischen Kirche, so entsteht eine Art Mega-Topos à la "Sakrileg", der ja auch entsprechend abgeräumt hat. Ich sehe hier jedoch keinen Trend sondern eine Konstante des Buchmarktes. Jedes Jahr erscheinen Titel zu diesem Thema, aber eben nicht immer so erfolgreich wie "Sakrileg". "Das Buch in dem die Welt verschwand" habe ich 2001 unter dem Eindruck des 11. September geschrieben. Das Phänomen Dan Brown gab es damals noch nicht und mich interessierten zunächst auch gar nicht irgendwelche Geheimbünde sondern die Frage, was Gedanken und Ideen sind, ob sie eine materielle Grundlage haben, ob wir sie oder sie vielleicht uns kontrollieren u.dgl. Die Zeit (spätes 18. Jhdt) habe ich gewählt, weil sich der Umbruch des Denkens in der Medizin sehr gut veranschaulichen ließ und erst dann, bei den Recherchen, tauchten auf einmal überall diese merkwürdigen Geheimgesellschaften und Sekten auf, die es damals gab. 


Hat sich Ihre Arbeitsweise in den Jahren Ihrer schriftstellerischen Tätigkeit grundlegend verändert, und wenn ja inwiefern?


Ich denke nicht. Meine Vorgehensweise ist immer noch die gleiche. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich besser oder schlechter geworden bin. Irgendwie ist man immer wieder Anfänger.
 
Sie sind in Karlsruhe geboren und leben nach einigen Jahren in Berlin nun wieder in Brüssel. Besitzen Sie noch eine besondere Verbindung zu Karlsruhe und wenn ja, worin besteht diese? Wie schätzen Sie die Karlsruher Literaturszene damals und heute ein, insofern Sie diese aus der Ferne beurteilen können oder wenn Sie hier zu Besuch sind?


Ich habe Karlsruhe 1982 nach dem Abitur verlassen und seither nicht mehr dort gelebt. Daher habe ich, abgesehen von meinen Eltern, die ich regelmäßig besuche, nicht mehr viele Kontakte. Die meisten Freunde und Schulkameraden leben auch nicht mehr dort. Ich komme jedoch immer gern nach Karlsruhe, es ist der Ort, wo ich aufgewachsen bin und voller Erinnerungen. Zur Literaturszene habe ich keine Verbindung, aber das liegt nicht an Karlsruhe. Ich habe auch in Berlin keine Kontakte zur "Szene". Wenn ich den ganzen Tag recherchiert oder geschrieben habe, dann reicht mir das und ich sehne mich nach anderen Dingen. Ich habe einen exzellenten Lektor und Verlag, einen tollen Agenten, der immer für mich da ist, und ein paar enge Freunde, deren Urteil ich bisweilen einhole, wenn ich unsicher bin. Mehr Literaturszene brauche ich nicht.
 

 

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